Schumachers Jüngste, eine Geschichte

SCHUHMACHERS JÜNGSTE


Gerade noch rechtzeitig hatte mein Vater im Sommer 1943 seine Familie mit neugeborenem Baby (ich) auf einen Bauernhof 50 km vor Han- nover in Sicherheit gebracht. Entfernte Verwand- te, denen der Hof gehörte, hatten uns nur wider- willig zwei winzige Kammern überlassen. Als Schuhmachermeister mit größerem Betrieb blieb mein Vater vom Wehrdienst verschont, die Ver- sorgung der Bevölkerung musste erhalten blei- ben, gutes Schuhwerk war nicht nur in Kriegszei- ten unabdingbar. Nach dem schweren Bomben- angriff auf Hannover im Oktober 1943 ging alles in Flammen auf: Unsere Wohnung im 3. Stock, Vaters Werkstatt mit Laden unten im Haus, alles total zerstört, die Eltern standen vor dem Nichts!
Trotz der großen Wohnungsnot kehrten wir 1945 in die zerbombte, überfüllte Stadt zu- rück. Es war gelungen, eine Zwei-Zimmerwoh- nung mit Küche ohne Bad (Plumps-Klo im Hof!) zu ergattern. Um dafür den Zuschlag zu erhalten, mussten alle Beteiligten, vom Vermieter bis zum Wohnungsbeamten, mit Geld, Lebensmitteln und Schuhwerk bestochen werden. Ein heiles Dach über dem Kopf war mehr, als viele Menschen in dieser Zeit hatten. Meine Großmutter aus Leipzig schickte Möbel: Einen ausziehbaren Esstisch aus Eiche, dazu passende, mit Schnitzwerk versehene Stühle, einen Schreibtisch, eine Liege. Das eindrucksvollste Möbelstück war ein hoher Bü- cherschrank mit vier Facettenschliff-Glastüren. Dazu viele Bücherkisten, bestückt mit Meyers 10- bändigem Konversations-Lexikon und jede Menge weiterer Literatur, die der Großvater – Buchhänd- ler in Leipzig – wohl für entbehrlich gehalten hatte.
Die Lexika im roten Ledereinband mit ein- geprägten, goldenen Buchstaben faszinierten mich. Von A bis B, der nächste Band von C bis D.....und allmählich drang in mein dreijähriges Bewusstsein, dass das Aneinanderreihen von Buchstaben einen Sinn haben musste, wie Worte entstehen und ich beneidete meine älteren Ge- schwister, die lesen konnten. Oft stand ich vor dem Bücherschrank, der Schlüssel steckte, aber noch reichte ich nicht heran. Viel zu selten ließ sich mein großer Bruder herab, einen von den schweren, reich bebilderten Bänden herauszu- rücken, stets mit der Ermahnung, ja vorsichtig damit umzugehen, ob meine Finger auch sauber seien? So blätterte ich sorgsam Seite um Seite, betrachtete streng aussehende, berühmte Män- ner und Frauen, sah Tier- und Pflanzenzeichnun- gen, meine Finger strichen über Abbildungen von fernen Ländern, Alpen, Savannen, Ozeanen. Staunen und Wundern ohne Ende! Der Vater las jeden Abend aus einem Andachtsbuch vor. Wenn ich allein war, die Eltern, Bruder und Schwester mit anderen Dingen beschäftigt, nahm ich dieses gewichtige Buch und las daraus laut vor imagi- nären Zuhörern. Meine Sprache war ein Kauder- welsch, ein kindliches Geplapper, dabei immer bemüht, den ernsten Tonfall des Vaters nach- zuahmen. Manchmal drehte mein Bruder das Buch richtig herum, wenn er dazu kam. Später, Alphabet und Lesen nun beherrschend, versank ich in der Welt der Bücher, vergaß die beengte, häusliche Umgebung.
Die britische Besatzungsmacht hatte in bevorzugter Wohngegend, Villenstraße am Zoo, eine Bibliothek eingerichtet, die auch Deutschen zur Verfügung stand: Die „Brücke“. Dorthin ging ich regelmäßig, um mir Bücher auszuleihen. Mein Weg führte durch die Eilenriede, den hannover- schen Stadtwald, am Milchhäuschen und an der Liegewiese vorbei. Schüchtern stand ich anfangs vor den Buchregalen, viele englische Titel, mit denen ich nichts anfangen konnte, der Englisch- Unterricht in der Schule begann erst in der 4. Klasse. Bald aber entdeckte ich Bücher, die ich nonstop verschlang: Enid Blyton, die Abenteuer der fünf Freunde, die sich jeden Sommer in ei- nem englischen Dorf während der Schulferien trafen. Die Geschwister Philip und Dina, Jack mit seiner kleinen Schwester Lucy und Bill, der Poli- zist mit Hund... und ich, die immer hinterher lief, mitbangte und erst erleichtert einschlafen konn- te, wenn alles zum guten Ende kam.

Aber außer der Möglichkeit, an Bücher zu kom- men, zog mich etwas Anderes magnetisch an: Die Jugendstil-Villa, in der sich die Bibliothek be- fand, ein Haus mit herrschaftlicher, baumbestan- dener Auffahrt und parkähnlichem Garten. Weiße Treppenstufen, die ich zögernd hinaufging, den Blick auf die ornamental verglaste, in vielen Far- ben leuchtende Tür gerichtet. Die mir den Weg öffnete in eine märchenhafte Welt. Ich verwan- delte mich mit dem ersten Schritt, den ich in das Gebäude tat: Nicht länger mehr das Kind, dass in Pfützen und auf Trümmergrundstücken spielte. Ich nahm innere und äußere Haltung an, sorgfäl- tig die Schritte setzend. Die vom Waldweg stau- bigen Schuhe gründlich auf der Fußmatte abge- putzt, die Kniestrümpfe hochgezogen, ein tiefes Atemholen: Ab sofort fühlte ich mich wie eine Prinzessin....mindestens!
Mein erster Weg führte durch die Halle mit dem makellosen Spannteppich zu den Waschräumen, zur Toilette. Nie zuvor gesehener Luxus, der mir den Atem nahm, ich konnte mich nicht sattsehen! Die weißen Marmorwände, die großen, schön geformten Waschbecken auf kunstvoll geschmiedeten Beinen. Aus den ver- schnörkelten Wasserhähnen floss kaltes und war- mes Wasser: Unfassbar! Die hohen Spiegel in vergoldeten Rahmen. Das seidenweiche Toilet- ten-Papier, fast zu kostbar, um sich den Po damit zu reinigen, zuhause kannte ich nur in Stücke geschnittenes, grobes Papier. Herrlich, immer wie- der die Wasserspülung in Gang zu setzen, die Kette mit Porzellangriff baumelte zu verlockend, ein Spiel, das erst beendet wurde, wenn mich je- mand dabei ertappte. Der Seifenspender, der nach unten bewegt werden musste, damit die duftende Flüssigkeit über meine Hände laufen konnte, der Handtuchhalter zum Abrollen, an den ich nur auf Zehenspitzen stehend heranreichte: Ein Stückchen weißes Leinentuch für mich allein! Schwer fiel es, mich von diesem Wunderraum zu trennen!
Es gab einen Lesesaal mit tiefen Clubses- seln; einmal lugte ich hinein - er war den Englän- dern reserviert, ein Kind hatte dort nichts zu su- chen - und war erneut beeindruckt. Die Stille dort, ein Refugium... durch die hohen Fenster fiel der Blick in den Garten: An einem gewöhnlichen Wochentag dort lesend sitzen zu können, so stellte ich mir den Himmel vor! - Heute noch. –

 

Text: Waltraud Sophie Reich

 

 

 


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