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Kunstmesse

Da ist sie, die Stubenfliege, ein reinliches Tier, was die eigene Körperpflege angeht, egal an welchem Abfall und unappetitlichen Sachen sie sich labt. Gründlich, wie eine gewissenhafte Hausfrau beim Putzen, fängt sie oben an: Stützt sich auf ihre vier hinteren Beinchen und bewegt mit den zwei vorderen, quasi ihren Arbeitshänden, jeden Flügel auf und ab, weiter über den Körper: Erst einmal das Grobe. Dann beginnt die Feinarbeit. Am Bauch entlang, flugs hin und her, so schnell, dass mein Auge kaum nachkommt. Als nächstes den Kopf, husch husch, obendrüber, zurück, wieder nach vorn, über die Augen, wieder nach hinten, alles in einem atemberaubenden Tempo. Eine sekundenlange Pause, in der die „Hände“ durch Umeinander reiben gereinigt werden und weiter gehts, noch ist sie nicht zufrieden, zurück auf Anfang, das Ganze noch einmal. Am Schluss wieder die Flügel, ein jetzt sanfteres Auf und Ab, gut so, schließlich sind es ihre wichtigsten Fortbewegungsmittel, ohne die ist sie nichts; bei wenigen Monaten Lebenszeit gilt es, bei der Pflege so gewissenhaft wie möglich zu sein.

Fertig mit der Prozedur, fliegt sie los, ein Teller mit Speiseresten scheint uninteressant, ihr Ziel ist mein Gesicht, hartnäckig wiederholt sie ihren Landeanflug, versucht, meine Augen zu treffen, gibt trotz meiner Abwehr nicht auf: Himmel, was ist so verlockend an mir? Rieche ich gut - also schlecht - für Fliegennasen, ist es meine Körperwärme, an der sie teilhaben möchte? Tut mir leid, Fliege, du nervst, jetzt bist du dran: Ich schlage zu mit einem zur Waffe gedrehten Magazin, zwei Fehlversuche, erwischt...- es kehrt Ruhe ein!

Ich denke an den Struwwelpeter, die Geschichte vom bösen Friederich, dem argen Wüterich: Er fing die Fliegen in dem Haus und riss ihnen die Flügel aus...-so etwas tut man nicht, das war uns Kindern klar, nicht umsonst sagt man über einen sanften, friedliebenden Menschen „Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun“.

In den 70er Jahren las ich eine Novelle von George Langelaan „Die Fliege“ (dtv- Taschenbuch), der als virtuoser Meister im Verfassen von makabren, fantastischen Geschichten gilt und die mit Recht als die schauerlichste Erzählung des vorigen Jahrhunderts bezeichnet wurde: wo es einem Forscher gelingt, Gegenstände und Lebewesen in Atome aufzulösen und ihnen dann ihre ursprüngliche Gestalt zurückzugeben. Bei einem Selbstversuch gerät eine Fliege mit in die Versuchskabine, und beeinflusst in unheimlicher Weise den Ausgang des Experiments: Sein Körper nun ausgestattet mit Fliegenkopf, ein wahres Monstrum in auswegloser Lage!

Man kennt die gelben, gedrehten Streifen, die mit Lockstoffen beschichteten Fliegenfänger, die noch heute in ländlichen Gegenden, in bäuerlichen Küchen zu finden sind: beste Lösung, der Überzahl Herr zu werden, aber auch ein abstoßender Anblick, der Ekelgefühle weckt.

Warum also ausgerechnet über Fliegen, diese lästigen, aufdringlichen Plagegeister, Träger von Krankheitskeimen, schreiben?
Beim Besuch einer Kunstmesse faszinierte mich der Anblick von kleinen Objekten, geschützt ausgestellt im Glaskästchen: Ein Ei im Eierbecher aus Metall, mit fein ziselierter Schmuckleiste, auf einem Puppenstuben-Holzstuhl stehend, das Ei kunstvoll geschmückt mit Reihen in anthrazitfarbenen, dreieckförmigen Mustern, metallisch grünblau oder golden schimmernd, dazwischen zartes Durchscheinendes, wie Seide Glänzendes: Was ist das? Welches Material hat der Künstler benutzt? Das zweite Objekt, ein Apfel in vertrauter Größe, verziert in gleicher Art; dazu Stecknadeln, deren Köpfe millimeterweise herausschauen, fein säuberlich angeordnet: Welcher Arbeits- aufwand, welches Geduldsspiel, welche Akkuratesse! Aber woraus? Ein Schild daneben informiert über Namen und Preis und noch immer rätsele ich: Wie nur wurde das gemacht? Ich kann mich nicht losreißen, schaue genauer hin, jetzt mit Lesebrille, und, Sie ahnen es, kaum zu glauben: es sind tatsächlich echte Fliegen! Wie eklig, wie abstoßend, und gleichzeitig faszinierend originell: wie kommt jemand auf diese Idee, wie an diese Menge gut erhaltener Fliegenleichen, es müssen Hunderte sein? Verarbeitet zu Mini-Skulpturen, kleine Kunstwerke, wahre Kostbarkeiten, die ich nur zu gern in meinen Besitz bringen würde, überstiege der Preis nicht meine Mittel!

Gibt es künstliche Fliegen? Ja, nur so kann es möglich sein: logge mich ein in Anglerbedarfs-Portale, Stichwort Fliegenfischen, aber die Fliegen, die Angler benutzen, sehen ganz anders aus, die gemeine Stuben- oder Schmeißfliege wird als Fischköder nicht angeboten. Im Katalog finde ich die Adresse des Künstlers, Nils Franke lebt und arbeitet in Leipzig. Per Email drücke ich meine Bewunderung aus, stelle meine Fragen. In seiner Antwort bedankt er sich für mein Feedback, erzählt, dass er die Viecher züchtet und füttert, dann wartet, bis sie von selbst sterben. Was ihn zu den Objekten anrege, sei sein Hang zu morbiden, melancholischen und unterschwellig auch provokanten Werken, ohne auf „das Schöne“ verzichten zu müssen--.-es sei die Ambivalenz des Ekels, die auch Teil seiner theoretischen Diplomarbeit sei.

Wie, er füttert sie? Vor der Fliege ist das Ei, aus dem die Made schlüpft: Ein weißer, eklig durcheinander wimmelnder Haufen, der mir im Sommer den französischen Weichkäse – trotz Aufbewahrung unter der Käseglocke- madig gemacht hatte und ich ratlos grübelte: Wohin jetzt damit, wie das entsorgen?

Inzwischen kann ich die Faszination des Künstlers besser nachvollziehen: Fliegen totzuschlagen, womöglich „sieben auf einen Streich“ wie beim tapferen Schneiderlein im Grimmschen Märchen, kommt jetzt nicht mehr in Frage.

Eine dicke, einsame Winterfliege wiederholt mit viel Gebrumm ihren Versuch, die Scheibe vom Küchenfenster zu überwinden, um ins Freie zu gelangen: Beispielhaft ihre Geduld, diese gläserne Illusion von Freiheit zu überwinden, das einmal gesteckte Ziel nicht aufzugeben. - Ich helfe ihr, öffne weit das Fenster!

 

Text: W. Sophie Reich, November 2019

 

 

W. Sophie Reich, geb.1943 in Hannover.
Ausbildung zur Einzelhandels-Kauffrau, kaufmänn. Lehre
1962-68 Mitarbeit im Kunst-u.Buchhandel, Verlag H. Feesche, Hannover 1987 Gründung der Galerie Reich, Brunsteinstrasse 1, Bochum.
2004 Ende der Galerietätigkeit, Beginn mit Schreiben.
2009 Mitglied in der Autorengruppe „Bochumer Literaten“.
2011 Romanbiografie: „Wie lieblich sind meine Wohnungen“, BoD
2011 - 15 Veröffentlichung v. Kurzgeschichten in div. Anthologien.
2015 Erzählband: „Planmäßige Ankunft“, BoD


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